C H I A S M U S V O N O P F E R U N D
T Ä T E R
Eine polykontexturale Betrachtung
Ein Artikel von Klaus Grochowiak und Joachim Castella,
(Nach den Ideen und Werken von Dr. Rudolph Kaehr)
erschienen MultiMind im August 1997.
In diesem Artikel wird die logische Figur des Chiasmus
genutzt um die Beziehung von Täter und Opfer zu modellieren.
Statt der unilinearen Schuld Beziehung wird gezeigt, wie
die Komplementarität von Täter- und Opfer-Rolle zu verstehen ist.
Dabei wird diese Struktur gleichzeitig als universale
Relation von polaren Reflexionsbegriffen entwickelt und ihre Beziehung zur
klassischen Logik erläutert.
Die Polykontexturale Logik als neues methodologisches
Organon des Trans-NLP wird ansatzweise eingeführt.
Nominalisierung und Identifikation
Wenn das vordringliche Ziel jeder Therapie darin besteht,
den Klienten in einen Status maximaler Wahlmöglichkeiten zu führen, dann
besteht ein Haupthindernis auf diesem Weg sicherlich in der
problematischen Überlagerung von Nominalisierung und Identifikation (in
Belief-Sätzen). D.h. mit der Verbindung einer pronominalen Prädikation
(Ich bin, du bist, er ist ... ein Trinker, ein Lügner, ein Betrüger)
reduziert der Klient sich und/oder andere substantiell auf eine bestimmte
Rolle und Funktion, die in dem Maße das Repertoire der Wahlmöglichkeiten
einschränkt, in dem die Identifikation mit dem Rollenschema das "ln-der-Welt-sein"
des Klienten dominiert: Wer ein Trinker ist, ist immer und überall ein
Trinker, und die Welt eines Trinkers ist eine Welt, in der kein Raum,
keine Stelle und kein Zeitpunkt existiert, an dem er nicht als Trinker
erscheint. Er kann also gar nichts anderes sein, als eben ein Trinker, und
daher ist alles, was er tut, ausweglos das, was ein Trinker tut.
"Ein Trinker ist ein Trinker ist ein Trinker!",
ließe sich also in Abwandlung des berühmten Wortes von Gertrude Stein
formulieren, worin deutlich zum Ausdruck kommt, daß die (Selbst-)
Zuschreibung eines Identitätssatzes (A ist X) zwangsläufig in eine
existentielle Totalisierung umschlägt. Denn auch wenn der Trinker nicht
trinkt, macht ihn dies lange noch nicht zum Nicht-Trinker, sondern nur zu
einem gerade nicht trinkenden Trinker.
Nicht zuletzt diese unumstößliche Absolutheit, dem Bewußtsein
also, einer identifikatorisch vermittelten Überlagerung von
zugeschriebenem (So-) Sein und daraus resultierender Weltkonfiguration,
d.h. der ins Universelle gesteigerten Gewißheit, ausweglos in der
jeweiligen Existenz zu unterliegen, in der es sich nur noch mit probablen
Vermeidungsstrategien einzurichten gilt, dieser (scheinbar) endgültigen
Wahrheit bedient sich gerade die kathartische Schocktherapie der Anonymen
Alkoholiker. Doch wollen wir hier von der philanthropischen Fragwürdigkeit
eines solchen "Holzhammers" absehen, und uns statt dessen den
semantischen und logischen Fragen zuwenden, die in dieser Mechanik
mitschwingen.
Wenn das Zusammenspiel von Identifikation und
Nominalisierung zu solch eminenten Welt- und Zustandsbeschreibungen und
damit zu konkreten Handlungsdeterminationen führt, dann liegt ein
hilfreiches Mittel für eine perspektiveröffnende Regulierung sicherlich
in der Entnominalisierung, resp. verbalisierenden Vervollständigung des
jeweiligen Attributs: Den Schritt von "lch bin ein Trinker" zu
"lch trinke soviel, daß meine sozialen Kontakte, meine Arbeitsfähigkeit,
meine körperliche und geistige Konstitution einem kontinuierlichen Prozeß
der Veränderung / Verarmung ausgesetzt sind" zu vollziehen, ist eine
bedeutende Konkretion, die den Beginn einer wirksamen
Verhaltensmodifikation einleiten kann.
Und genau hier setzt das klassische NLP an, wenn es
versucht, das habituelle Schema im Zuge einer kognitiven Komplettierung zu
verändern. Die tiefenstrukturelle Vervollständigung des höchst ungesättigten
Ausdrucks "lch bin ein Trinker" setzt einen Prozeß zunehmender
emotional-affektiver Bewußtheit und Auseinandersetzung in Gang, der die
Grundlage dafür schafft, daß ein zielorientiertes Gegensteuern einsetzen
kann. Erst die größtmögliche Transparenz dafür, was es bedeutet, ein
Trinker zu sein, ermöglicht den Aufweis von positiven Handlungsdevianzen
und von Ausbruchsmöglichkeiten aus dem existentiellen Schema
"Trinker", weil das chunking-down von "Trinker sein'' zu
"Ich tue dies und jenes" den Horizont aufschließt, "dies
und jenes eben nicht mehr tun zu müssen/sollen/dürfen".
Die klassische Logik als methodische Limitierung des
NLP
Das alles ist hinlänglich bekannt und die Mechanik der
Entnominalisierung ist seit Bandler/Grinder (Magie 1) längst, und
vollkommen zu Recht, ein erfolgreiches Werkzeug in der alltäglichen
Therapie-Praxis. Wenn wir aber nun und dieses "aber" ist die
Motivation des vorliegenden Textes - wenn wir also nun an die
Ausgangssituation erinnern, dann scheint es, als reduziere sich
klassisches NLP in diesem Zusammenhang ganz unnötig auf eine einzige
Strategie. Die Dopplung von Nominalisierung und Identifikation hatten wir
als Struktur des Satzes "Ich hin ein Trinker." beschrieben, und
wir können den Ansatzpunkt der Entnominalisierung nun als einen - aber
eben nur einen Ansatzpunkt zur Veränderung auffassen. Unsere Frage
richtet sich dann an die zweite Komponente: Was geschieht mit der
Identifikation?
"Ich bin, du bist, er ist ein ... X". - Wir
wollen die interventionale Möglichkeit einer Vervollständigung dieser über
Nominalisierung verkürzten Oberflächenstruktur also explizit außer Acht
lassen; nicht das "X" soll im Zentrum stehen, sondern der
Mechanismus, der es ermöglicht, "X'' als Attribut zu verwenden.
In leicht formalisierter Schreibweise ließe sich - die prädikatenlogisch
versierten Leser mögen es nachsehen - übersetzen:
"Es gibt ein A [lch, Du, Er, ...], für das gilt: es
ist X."
Damit nun dieser Satz sinnvoll, konsistent und
wiederholbar ausgesagt werden kann, schaltet die Logik einige Sicherungsmaßnahmen
vor, die die Zuordnung des Prädikates "X" zu seinem Argument
"A" gewährleisten:
A ist identisch mit A.
Es ist verboten, daß A und zugleich nicht-A gilt.
Entweder gilt A oder nicht-A.
Mit diesen Basissätzen - es sind die Sätze der Identität,
des verhotenen Widerspruchs sowie der Satz vom ausgeschlossenen Dritten -
kanonisiert Aristoteles in seiner Metaphysik das Grundsatzprogramm einer
Logik, die bis heute nahezu ungebrochen das vernünftige Denken des
Abendlandes regiert: die Aristotelische oder klassische Logik, also unsere
Logik. Und selbstverständlich ist dieses Grundsatzprogramm umfassend
genug, daß nicht nur Identitätsaussagen darunter fallen ("lch bin
ich und nicht zugleich jemand anderes, denn entweder bin ich ich oder
jemand anderes."), sondern daß auch die regelgerechte Zuschreibung
von Eigenschaften und Attributen von dieser Axiomatik gewährleistet wird.
Wir können also ersetzen:
X ist identisch mit X. (Schwanger zu sein bedeutet uns
immer dasselbe.)
Es ist verboten, daß X und zugleich nicht-X gilt. (Man
kann nicht schwanger und zugleich nicht-schwanger sein.)
Entweder gilt X oder nicht-X. (Entweder man ist schwanger,
oder man ist nicht-schwanger; ein drittes ist ausgeschlossen.)
Dieses, zugegeben sehr suggestive, Beispiel verdeutlicht
sehr schön die Organisationsprinzipien der klassischen, zweiwertigen
Logik: Geltung oder Nicht-Geltung, Position oder Negation, spannen als
exklusiv zu beziehende Werte den Gesamtrahmen der Entscheidungsmöglichkeiten
auf.
Die Grenzen der klassischen Logik
Was aber ändert sich, wenn wir "schwanger"
durch einen anderen Begriff ersetzen? Die Gültigkeit der logischen Axiome
dürfte an einer solchen Einsetzung keinen Schaden nehmen - sonst stünde
es schlecht um ihre axiomatische Funktion.
Stellen wir uns eine Autobahn vor, die die beiden Großstädte
A und B verbindet. Die Bewohner von A und B werden die Trasse gewiß als
"verbindend" bezeichnen. Gleichzeitig liegen aber rechts und
links der Autobahn die beiden Dörfer Y und Z, seit alters her durch einen
kleinen Feldweg verbunden, der nun der neuen Straße zum Opfer gefallen
ist. Mit welchem Prädikat belegen die Dorfbewohner die Autobahn, die ihre
gewohnte Verbindung unterbrochen hat? "Nicht-ver-bindend",
"trennend" scheint in ihrem Kontext wohl passender.
Ein und dasselbe Argument (die Autobahn) kann also mit
gleichem Fug und Recht vollkommen konträr attribuiert werden, ohne daß
das Urteil der anderen dadurch falsch wäre. Es kommt eben auf den
Standpunkt an, oder - alles ist relativ!
Verallgemeinert läßt sich dieser Mechanismus der
gleichberechtigten Gültigkeit widersprechender Aussagen für alle Prädikationen
und Attribuierungen feststellen, in denen sich die Abhängigkeit von einem
jeweiligen Standpunkt widerspiegelt. Ob ich auf der rechten oder linken
Straßenseite gehe, hängt nicht von einer ultimativen Definition der
Begriffe "rechts" und "links" ab, sondern von meinem
gegenwärtigen Standpunkt relativ zu meinem Bezugssystem; und analog gilt
dies für "groß-klein", "hoch-tief",
"alt-jung" etc.
Im NLP (Reframing) gilt es als eine der Grundeinsichten,
daß es keine Bedeutung, keinen Sinn außerhalb eines Kontextes gibt.
Insofern kann die Unterscheidung zwischen Seins- und
Reflexionsbestimmungen in den Kontext des Reframing eingebettet werden.
Reflexionsbestimmungen und Seinsbestimmungen
Den besonderen Charakter, daß in der Ansetzung des
Begriffs sich die Position des Setzenden widerspiegelt, hat Hegel treffend
in der Unterscheidung von Reflexionsbestimmungen (s. o.) und
Seinsbestimmungen festgehalten. Ob ich etwas als einen Baum identifiziere,
ist von meinem Standpunkt vollkommen unabhängig, ob ich ihn allerdings
als groß oder klein, schön oder häßlich, nah oder fern bestimme,
nicht.
Reflexionsbestimmungen also tragen aufgrund ihrer
Standpunktvarianz immer ein relatives Moment in sich, ja sie lassen sich
generell als Prädikationen begreifen, die implizit immer ihr eigenes
Gegenteil transportieren, die sich sinnvoll nur aussagen lassen auf dem
Hintergrund ihrer eigenen Negation: was "groß" ist, kann ich
nur so benennen, wenn ich weiß, was "klein'' bedeutet, usw. D.h.,
der Sinn und Gehalt eines Reflexionsbegriffes verdankt sich per se der
Doppelung von Position und Negation, genauer, er erwächst nicht in der
Identität des Begriffs, sondern in der Differenz des Begriffs zu sich
selbst. Begriffsbestimmend wird hier die Unterscheidung und der
Unterschied, der positive Sinn knüpft sich an das höchst schwierig zu
fassende Ereignis der Differenzierung, an die nicht mehr positiv zu
beschreibende difference (Derrida), und die "Information läßt sich
definieren als ein Unterschied, der einen Unterschied macht." (Bateson)
Die Frage, die sich an dieser Stelle stellt, ist die, was
denn unter einer Reflexionsbestimmung zu verstehen ist? Um uns diesem
Begriff zu nähern, möchte ich nochmals kurz an einige Bemerkungen von
Bateson erinnern. Er schreibt bekanntlich, daß Adjektive, wie
"ehrlich", "freundlich", "launisch", usw.
eher etwas über denjenigen aussagen, der diese Charakterisierung
ausspricht, als über den Charakterisierten.
Die Dialektik der Reflexion im Bild des Chiasmus
Daß das Eine sich nur von dem Anderen her denken läßt,
daß Sinn mithin ein proportionales Geschehen ist, ist dabei keine
Erfindung fragwürdiger Dekonstruktivisten, sondern ein durchaus altes
Wissen. Schon bei Heraklit lesen wir:
"Das Kalte wird warm, warmes kalt,
feuchtes trocken, trockenes feucht.''
Es ist einer der ältesten uns überlieferten Chiasmen,
und gegen den Eindruck, hier sei allein eine Veränderung in der Zeit
gemeint, mag ein Satz Giordano Brunos die oppositionelle Funktion
chiastischer Strukturen verdeutlichen. "Gewiß", schreibt Bruno,
"wenn wir recht überlegen, sehen wir, daß die Vernichtung nichts
anderes ist als eine Erzeugung, und die Erzeugung nichts anderes als eine
Vernichtung. Die Liebe ist am letzten Ende Haß und der Haß
Liebe..."
Hier kommt das Wesen des Chiasmus deutlich zum Ausdruck,
den Günther Schenk in seinem Buch Zur Geschichte der logischen Form als
eine Satzfigur beschreibt, bei der die "Grundform des Satzes [...] in
der Verknüpfung eines Begriffes A mit einem Begriff B [besteht], der
letztere wird von neuem gesetzt und dem ersten, als A, verbunden. Der
dialektische Gedanke ist dann abgeschlossen, wenn er zum Ausgangspunkt zurückkehrt,
im obigen Fall ABBA."
Obzwar also die klassischen Rhetoren den Chiasmus als
ornatus, als Redeschmuck, zur Wirkungssteigerung der elocutio, dem
rednerischen Ausdruck, zuschlagen, scheint strukturell mehr darin angelegt
zu sein, als es die Zuordnung in die antike Figurenlehre ahnen läßt.
Dialektik, der etwas aus der Mode gekommene Begriff, klang
bei Schenk an, und was dies hier bedeutet, wird noch deutlicher, wenn wir
uns die Form des Chiasmus vor Augen führen. Das "Chi" ( X ),
der drittletzte Buchstabe des griechischen Alphabets, gibt den Namen für
"die parallele Überkreuzstellung einander entsprechender
antithetischer Satzglieder oder Wörter" (Gert Uecling, Bernd
Stinbrink: Grundriß der Rhetorik, S. 308), und vereinigt (anders, als das
gewöhnlich zu Hinrichtungszwecken gebrauchte rechtwinklige Kreuz) im Bild
desAndreas-Kreuzes die Simultaneität von Gegenläufigkeit und
wechselseitiger Bedingtheit, von Inversion und Komplexion. "Die Henne
legt das Ei" - um an das Paradebeispiel dialektaler Gleichursprünglichkeit
zu erinnern - bleibt gedanklich unvollständig ohne die Umkehrung:
"Aus dem Ei schlüpft die Henne."
Das transklassische Denken als Antwort auf die
Gebrechen der Logik oder: die Polykontexturalität der vielen Logiken
Spätestens hier ist die klassische Logik überfordert,
denn nun schlägt grundsätzlich jene Mechanik über ihr zusammen, die wir
bereits von den Reflexionsbestimmungen her kennen - nun aber bei gänzlich
objektiven Tatbeständen, die dem subjektiven Standort enthoben sind.
Ursache und Wirkung, die Grundbegriffe westlichen Ursprungs- und Kausalitätsdenkens,
geraten ins Schwimmen, und vieles spricht dafür, daß die Absolutheit des
logischen Systems selbst nicht von diesem dialektischen Wirbel verschont
bleibt.
Konsequent hat daher der Philosoph und Kybernetiker
Gotthard Günther dann auch die These von der Einheit und homogenen
Geschlossenheit der Logik aufgegeben und die Hegelsche Entdeckung der
Standpunktabhängigkeit der Reflexionsbestimmung in die Standpunktvielheit
der logischen Systeme verallgemeinert. Damit begegnet uns die vermutlich
tiefste Radikalisierung, die der alltäglichen Beobachtung Rechnung trägt,
daß ein Eines auch ein Anderes sein kann (vgl. unser Autobahn-Beispiel),
und die als Polykontextualitätstheorie die simultane Gleich-Gültigkeit
potentiell unendlich vieler Sinnsysteme/Logiken aufrechterhalten und
vermitteln/integrieren will.
Die Konsequenzen im Zusammenhang mit der uns hier
begegnenden Problematik erläutert der führende Theoretiker der
polykontexturalen Logik, Dr. Rudolf Kaehr: "Was Grund und was Begründetes
ist, wird geregelt durch den Standort der Begründung. Der Wechsel des
Standortes regelt den Umtausch von Grund und Begründetem. Es gibt keinen
ausgezeichneten Ort der Begründung. Jeder Ort der Begründung ist Grund
und Begründetes zugleich. Orte sind untereinander weder gleich noch
verschieden; sie sind in ihrer Vielheit geschieden. Für die Begründung
eines Ortes ist eine Vielheit von Orten im Spiel. Warum jedoch eine
Vielheit von Orten ? Diese läßt sich ins Spiel bringen, wenn wir die Möglichkeit
der Operativität einer Operation uneingeschränkt gelten lassen."
Was Grund und was Begründetes ist, wird geregelt durch
den Standort der Begründung. Wir können Grund und Begründetes ersetzen
und mit dieser Substitution gleichzeitig wieder einsetzen in die
therapeutischen Kontexte. Ursache und Wirkung, Agent und Reagent, Täter
und Opfer bieten sich als Konkretionen an, wenn wir nun die Struktur des
Chiasmus zu einem überraschenden Instrument der Intervention machen, zu
einem Instrument, das seinen entscheidenden Hebel an der Identifikation
des Klienten ansetzt.
Der Chiasmus im therapeutischen Gespräch
Ein eindeutiges Identifikationsverhältnis: "Ich bin
Täter/Opfer" definiert, ganz gleichgültig, an welcher Stelle der
Relation () sich der Klient wähnt, identitätstheoretisch nicht
hintergehbare Zuschreibung: "A = A", "A oder nicht-A",
"nicht (A und nicht-A)"!
Hatten wir eingangs davon gesprochen, daß; das
vordringliche Ziel jeder Therapie darin bestehe, den Klienten in einen
Status maximaler Wahlmöglichkeiten zu fahren, ein Haupthindernis hierfür
jedoch in der Überlagerung von Nominalisierung und Identifikation liege,
und hatten wir des weiteren die Hoffnung geäußert, daß; neben der
Entnominalisierung ein noch unbeschrittener Pfad an der (existentiellen,
notwendig universalen) Identifikation ansetzen könne, dlann können wir
nunmehr das nächstliegende Ziel der Therapie konkretisieren:
Der Klient soll in jeder Konfliktsituation alle
reflexional möglichen Standpunkte
intellektuell und emotional erleben.
Wie können wir ihn dazu anleiten, und inwieweit kann die
chiastische Struktur dies befördern? Das Schema selbst liefert uns
folgende Form:
Ein Beispiel: Betrachten wir die Möglichkeiten der größtmöglichen
reflexionalen Ausschöpfung anhand des Problems Fremdgehen.
Derjenige, der fremdgeht, gilt im allgemeinen als der Täter,
da er/sie schließlich etwas tut, wogegen das Opfer, der/die Betrogene,
nichts tut, sondern von der Handlung des anderen betroffen ist, also unter
den Auswirkungen dieser Handlungen leidet. Die Relation (Täter Opfer) drückt
also die Handlungsgewalt, das dynamische Gefälle innerhalb der
Konfliktsituation aus, wenn eine Person A als Täter identifiziert wird
und eine Person B als Opfer.
Die Identifikationen sind also klar und das logische
System ließe nach klassischem Zuschnitt keinerlei Verschiebungen oder
Transformationen zu. Das aber widerspricht in den allermeisten Fällen
nicht nur den möglicherweise nur als Alibi vorgebrachten Rechtfertigungen
des Täters ("Das habe ich ja nur getan, weil du mich dazu getrieben
hast."), sondern grundsätzlich auch den Bedingungen der Möglichkeit,
sowohl Täter oder Opfer werden zu können. Täter wie Opfer sind
wesenhaft aufeinander angewiesen: ohne Betrüger kein Betrogener und
umgekehrt. Ist also schon die Rollen-Konstitution nicht aus dem
bilateralen Gefüge herauszupräparieren, ohne die wechselseitige
funktionale Abhängigkeit zu zerstören, so kann - und dies ist durch die
therapeutische Praxis durchaus gedeckt - stärker noch von einer bipolaren
Handlungsgewalt gesprochen werden, d.h., das dynamische Gefälle fließt
in beide Richtungen. Denn oft läßt sich beobachten, daß auch B der Täter
ist, da durch sein/ihr Verhalten A erst zum Fremdgehen animiert oder gedrängt
wurde. Ebenso häufig kann festgehalten werden, daß ein Paar bewußt oder
unbewußt vereinbart, wer wann fremdgeht, um ein Problem in der Beziehung
zu lösen bzw. erstmals es als solches auf den Tisch zu bringen. Dies
entspricht der Relation (Opfer < Täter), d.h. hier gilt B als der Täter
und A als Opfer. Innerhalb des Schemas bedeuten dann die senkrechten
Linien die personale Identität von A und B, denn in beiden
Beschreibungssystemen sind sie selbstverständlich die gleichen geblieben.
Wichtig hierbei ist nun die Einsicht, daß es sich
innerhalb dieser Aspektverdoppelung nicht um einen sukzessiven
Rollentausch handelt, den man einnehmen kann oder nicht, sondern um eine
zeitgleiche und untrennbare Doppelbesetzung. Dadurch verkompliziert sich
das System bis an die Grenze des kognitiven Fassungsvermögens, denn nun
begegnen sich A und B nicht nur als Täter und Opfer bzw. umgekehrt als
Opfer und Täter, sondern gleichzeitig auch als Täter und Täter und
Opfer und Opfer. Wir verdeutlichen dies anhand der gekreuzten
Doppelpfeile, die anzeigen, daß es sich an diesen Stellen um ein
Umtauschverhältnis handelt, daß das Täter-sein von A in der oberen
Relation austauschbar ist mit Täter-sein von B in der unteren. Gleiches
gilt für das Opfer-sein.
Eine ausschöpfende Beschreibung dessen, was innerhalb der
chiastischen Struktur als Identifikation erscheint, hätte somit folgende
Gestalt:
Ich bin Täter und habe ein Opfer,
und ich bin ein Opfer in der Hand eines Täters,
und also bin ich Täter-Opfer und Opfer-Täter,
und Opfer-Täter und Täter-Opfer,
und Täter-Täter und Opfer-Opfer,
und all das bin ich einzeln und für sich,
und dennoch zugleich und in eins -
und du bist es auch!
Springen versus Identifikation, oder: Im Tanz über
Orte gebiert sich die Welt!
Verwirrung aller Orten wozu? Lesen wir noch einmal, was
Kaehr über die Abhängigkeit zwischen Grund und Begründetem von dem
jeweils eingenommenen Standort sagt: "Für die Begründung eines
Ortes ist eine Vielheit von Orten im Spiel. Warum jedoch eine Vielheit von
Orten? Diese läßt sich ins Spiel bringen, wenn wir die Möglichkeit der
Operativität einer Operation uneingeschränkt gelten lassen." Wir übersetzen
Operativität hier als die grundsätzliche Möglichkeit zum Vollzug einer
kognitiven Zuschreibung, und können diese Möglichkeit erst dann als
uneingeschränkt akzeptieren, wenn das Ursache-Wirkung-Verhältnis (die
Operation) zwischen Täter und Opfer alle möglichen relationalen
Verbindungen durchlaufen hat. Umgekehrt aber (noch eine verborgene
Dialektik) erwächst nur aus der uneingeschränkten Operativität, also im
Vollzug der maximalen Ausschöpfung der Operation, die Möglichkeit, den
eigenen Standort überhaupt als den eigenen Ort zu generieren, und dies
wiederum nur in dem Maße, in dem
a) einerseits der andere Ort durch die Setzung des eigenen
Ortes (erst) mitgesetzt wird (und umgekehrt), und in dem
b) andererseits der eigene Ort sich zugleich in die
Vielheit seiner selbst verteilt, um, wie in a), simultan die Vielheit der
anderen Orte zu eröffnen. Weniger kompliziert beschreibt dies Kaehr:
"Erst durch das Beziehungsgefüge wird das Objekt als das bestimmt,
als das es im Kontext fungiert. (Es gibt also nicht erst die Brückenpfeiler
über die dann die Brücke gespannt wird.)"
Hier manifestiert sich eine nicht unerhebliche
Transformation des klassischen Weltbildes. Was hier zum Ausdruck kommt,
ist eine wesentlich andere Sichtweise auf die Dinge, doch brauchen wir
nicht voll ausgebildete Philosophen, Metaphysiker, Ontologen, Linguisten
oder polykontexturale Logiker zu sein, um fruchtbringend an dem, was
Gotthard Günther uns als transklassische Rationalität nahegebracht hat,
partizipieren zu können. Es reicht die Erinnerung an das vermutlich berühmteste
Statement eines der hervorragendsten Vertreter des klassischen Denkens:
"Die Welt ist alles, was der Fall ist", beginnt Ludwig
Wittgenstein seinen Tractatus logico-philosophicus, und wir können
fortfahren: "Wenn es also der Fall ist, daß; ich die Bestimmung
meines Seins nicht vorgegeben in der Welt finde, sondern sie erst im vielfältigen
Wechselspiel entsteht, wenn das ‚ich bin' für sich allein nur die
Fiktion eines angebbaren Sinnes ist, wenn also das ,ich bin' mir nur erwächst
in der Gleichzeitigkeit des ich bin auch, ich bin zugleich, du bist, du
bist auch, du bist zugleich, dann ist die Welt nur soweit das, was der
Fall ist, wenn ich mit dir von Fall zu Fall durch die Vielheit der Orte
springe."
Hier ist das Springen und der Sprung im Sinne des Wortes
Ursprung der Welt, und das In-der-Welt-sein des Klienten wird ungleich
sein zu dem, was es davor sein konnte. Es ist eine andere Welt, in der er
sich bewegt, und er bewegt sich in der Welt nur, wenn er sich bewegt -
wenn er springt.
Wenn einer springt, wer springt denn dann?
Wir wollen nun zum Ausgangspunkt unserer Überlequngen zurückkehren
und die Frage nach der Applikationsfähigkeit des chiastischen Modells
einer komplexen, dynamischen Identifikationsmodulierung stellen. Daß wir
uns nicht an reinen Glasperlenspielen erfreuen, sollte am Beispiel der für
die Paartherapie vorgestellten Intervention bereits deutlich sein, doch
stellt sich die Frage nach dem Leistungsvermögen des Schemas für das
Individualgespräch. Ist um konkret zu werden - die Chiastik als vielfach
verteilte und verknüpfte Struktur transponabel, wenn doch das
Relationsgefüge und die damit initiierte wechselseitige Entdeckung von
Abhängigkeits -, Koinzidenz und Umtauschrelationen doch immer zwei
Klienten voraussetzt?
Wir antworten mit einer Gegenfrage: Drückt sich die
lndividualität einer Einzelperson tatsächlich als statische Einheit aus,
die uns wenn auch wandelbar - stets als homogener, distinkter,
monolithischer Block begegnet? Wohl kaum. Statt dessen sprechen wir immer
schon von komplexen Persönlichkeiten, d.h., von einem Zusammenspiel
vielschichtiger, disparater, sich verstärkender und antagonistischer
Strukturen, die wir zusätzlich noch auf verschiedenen Ebenen, habituell,
kognitiv und emotional, unterscheiden.
Wenn es also darum geht, der nach klassischem Denken
zwangs läufig statisch und absolut verlaufenden Identifikation eine
Dynamik zu verleihen, die im Zuge dieser Dynamisierung des Ichs zugleich
eine helfende und perspektivöffnende Modulation an dem vormals notwendig
ebenso statischen Weltbild des Klienten in Gang bringt, dann können wir
also immer auf die mitunter von dem Leidensdruck verdeckte Komplexität
der Person zurückgreifen.
Zwei Wege und ein Irrweg - der Irrweg der Negation
Zwei Wege stehen damit im wesentlichen bereit, gegenüber
denen sich ein Weg bereits als Irrweg erkennen läßt: Der Chiasmus kann
sich nicht negational aufspannen, will sagen: Im Beispiel des Trinkers ist
der Antagonist des Protagonisten "Trinker'' nicht der
"Nicht-Trinker". Dieses Verbot sprechen wir nicht aus, um
anzuzeigen, daß die Anonymen Alkoholiker etwa zu Recht auf der Einsicht
bestehen: "Einmal Trinker, immer Trinker!" Vielmehr handelt es
sich um die Konsequenzen grundsätzlicher logischer Überlegungen, die
damit ihre Gültigkeit, unabhängig von der jeweiligen Semantik, in dem
konkreten Beispiel beanspruchen:
Wenn das Relationsgefüge (Täter ÞOpfer) sich zwischen
(A und nicht-A) installiert, gibt es keine Relation zwischen zwei
distinkten Teilnehmern, der propositionale Gehalt ist jeweils identisch,
das "A" ist in beiden Fällen das gleiche "A", und die
Identität von "A" bleibt von der Negation vollkommen
unangetastet. Dialektische Gegensätze also etablieren sich nicht zwischen
reiner Position und Negation, sind also keine kontradiktorischen Widersprüche
(A oder nicht-A), Täter nicht-Täter, Proletariat- nicht-Proletariat,
Subjekt - nicht-Subjekt), sondern gründen als konträre Gegensätze (A
oder B; Täter - Opfer, Proletariat - Kapital, Subjekt - Objekt) die ihnen
inhärente progressive Entwicklungsmöglichkeit.
Zwei Wege und ein Irrweg
- erster Weg: dicht an der Semantik
Zurück zu unserem Beispiel.
Als erste Möglichkeit auf dieser Basis kann das
chiastische Springen seinen Ausgang zunächst von der stark kausal
motivierten Relation nehmen. Grund und Begründetes, Ursache und Wirkung
liefern dann die Grundlage, auf der Proponent und Opponent das Spiel ihrer
wechselweisen Neusituierung beginnen können. Solche Gegenspieler sind im
Fall des Trinkers leicht zu finden, sie begegnen uns im allgemeinen in den
Begründungs- und Entschuldigungsstrategien: "lch bin Trinker, weil
ich Arbeitsloser, verlassener Liebhaber, tyrannisierter Ehemann, überforderter
Vorstandsvorsitzender, bargeldloser Numismatiker, ... bin."
Hier gibt es sicherlich Anknüpfungspunkte, die ohne
Probleme einen Dialog initiieren, der in der Paartherapie als
Ausgangsbasis, als der zugrunde liegende Konflikt, in der Verdoppelung der
Wahrnehmungspositionen resp. in der gegenseitigen Schuldzuweisung schon
vorhanden ist. "Du bist der Schuldige, weil du fremdgegangen
bist!" "Nein, wenn du dich nicht so verweigern würdest, wäre
das alles nicht passiert!" Setzen wir hier analog "Trinker"
und "Arbeitsloser" ein, dann wird sich sehr schnelI ein
komplexes Beziehungsgefüge einstellen, in dem der Klient die alte
Identifikation "Trinker" in ihrer Präexistenz hintergehen kann,
wenn er im Hin-und-Her-springen über Abhängigkeiten, Machtgefälle,
deren Umkehrungen und Äquivalenzen hinweg - allmählich zu der
emotionalen und kognitiven Wahrnehmung gelangen kann, daß; er weder im
Moment, noch bis ans Ende seiner Tage in der Existenzform
"Trinker" aufgehen muß, weil ihm das statische "lch bin
..." buchstäblich in den Händen zerrinnt. Hier bricht mit der
Dynamisierung seines (So- und In-) Seins zugleich auch die diesbezügliche
Welt in ihrer bisherige Gestalt zusammen, das In-der-Welt-sein kann sich
reformulieren.
Zwei Wege und ein Irrweg
- zweiter Weg: die Konfrontation mit der Struktur
Der andere Weg, den Chiasmus als Interventionsmöglichkeit
zuläßt, verläßt nun auch noch die semantische Fundierung, die für den
kausalen Begründungszusammenhang der Täter-Opfer-Relation notwendig ist.
Statt dessen wird versucht, ein rein strukturelles Beziehungsgeflecht zu
installieren, in dem die inhaltlichen Aspekte/Anknüpfungen nur noch eine
propädeutische Rolle spielen. Hier werden dann nicht nur die Agenten/Reagenten
von der unmittelbaren Problematik abgelöst, sondern auch die Spezifik der
Relation (bislang also Kausalität) wird aufgelöst. Etwa:
"Ich bin Trinker
aber Vater
und Rosenzüchter
auch Ernährer
deswegen Sohn
obwohl Zwangsneurotiker
indem Ehemann
wenn Pendant
zugleich Urlaubsjunkie
weil Liebhaber
obgleich Bastler
nachdem Tagträumer
da Arbeitsloser"
Innerhalb dieser Kombinatorik, denn es handelt sich nicht
um eine lineare Reihung, innerhalb dieser beliebigen Kombinationsmöglichkeit
also entsteht ein Strukturzusammenhang, der die inhaltliche Füllung immer
stärker ausdünnt, der im Idealfall seinen "Aha-Effekt" gerade
nicht aus der überraschenden Einsicht bezieht "Ja, stimmt, das bin
ich auch. So habe ich mich noch nicht gesehen'', da damit der semantische
Boden noch nicht verlassen ist. Vielmehr geht es darum, im Springen und
Durchleben der sprunghaft sich neu gründenden Existenzen eine
emotional-kognitive Manifestation davon zu generieren, daß der
Einheitsraum "lch" per se eine vieldimensionale Komplexion
unterschiedlichster, konkurrierender, divergierender und indifferenter
Aggregatzustände ist, eine Komplexion, die - und das ist entscheidend -
nur als Prozeß permanenter Entscheidung, als kontinuierlicher
Selbstentwurf vorhanden ist.
Um dies zu verdeutlichen, und aus Gründen erhöhter
Praktikabilität, können wir die kombinatorische Liste, wie sie oben als
ein mögliches Beispiel aufgeführt ist, nun noch weitergehend
komprimieren. Das Ziel wäre dann eine anwenderfreundliche Formel, die in
doppelter Funktion einerseits den strukturellen Aspekt erlebbar werden
läßt,
und die andererseits diese Erlebnisqualität für den Klienten eröffnet,
ohne an seine Identifikation appellieren zu müssen. Eine Möglichkeit
dazu scheint uns gegeben zu sein in der Formel
Ich als A bin X, Y, Z ...
Durch die Wendung "Ich als A" ist der Klient
unmittelbar in einen dissoziierten State verwickelt, er identifiziert sich
nicht als A ("lch bin A"), sondern beobachtet / beschreibt sich
als A. Ist damit aber der Grundmechanismus der Identifikation mit einem
wie auch immer gefaßten Prädikat erst einmal entkoppelt, dann kann aus
dieser Beobachter-Perspektive heraus die Zuschreibung beliebiger Attribute
erfolgen. Die Gefahr einer Identifikation mit den Attributen ist hier
gebannt, denn es führt kein direkter Weg mehr von Ich hinüber zu bin
dies oder jenes.
Ohne an existentialistische Maxime erinnern zu müssen, könnte
als Blockade-Lösung und strukturell-perspektivische Neuorientierung dann
das Bewußtsein entstehen, daß das jeder Statik beraubte Selbst überhaupt
nur als aktualer Vollzug des Zu-sich-selbst-Verhaltens und also nur als
permanente Entscheidungssituation besteht. An die Stelle der passiven
Identifikation mit einer stereotypen Rollendefinition kann so die
Wahrnehmung treten, daß die Rolle, sei es als Agent oder Reagent, allein
aus der invers-bilateralen, chiastischen Gleichzeitigkeit von Agent und
Reagent erwächst, womit die Exekutiv-Gewalt an der Rollen-Stereotypie
immer schon eine verteilte und vermittelte ist. Verteilt und vermittelt über
die vier Orte des Chiasmus, die nicht nicht bezogen werden können, die
somit selbst das noch all zu statische Ziel unserer Therapie überborden:
den Status maximaler Wahlmöglichkeiten.